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Schule Z

Heute hospitiere ich eine Englischstunde. Noch bevor die Stunde beginnt, sagt mir der Lehrer: "Ich will ehrlich sein, ich bin komplett überfordert. Wie soll ich mit denen Englisch machen, wenn sie noch nicht mal Deutsch können? Mir bleibt nichts weiter übrig, als von Tisch zu Tisch zu gehen und mit allen individuell zu reden - auf dem jeweiligen Sprachniveau. Wenn Sie eine bessere Idee haben, nur zu..." Ich schaue mir das Ganze eine Weile an, bis irgendwann jeder mit etwas Privatem beschäftigt ist, da eh kein Stoff vermittelt wird. Ich versuche mein Glück und schlage das Spiel SIMON SAYS* vor oder auf Deutsch SIMON SAGT*. Zunächst scheinen alle erfreut, etwas zu tun zu haben. Doch nach wenigen Minuten verlieren die ersten die Lust und ich merke, vor welcher Herausforderung die Lehrkräfte tagtäglich stehen:
1. Die Jugendlichen sind unterschiedlich alt und interessieren sich daher für unterschiedliche Themen / Aufgabentypen.
2. Die meisten Aufgaben für Sprachanfänger sind für Kinder im Grundschulater konzipiert. Hier sollen aber pubertierende Teenies beschult werden.
3. Durch den Mix von absoluten Sprachanfängern mit Fortgeschrittenen ist eine Differenzierung dringend nötig. Das kostet viel Vorbereitungszeit und ich habe das Gefühl, dass auch weitere Lehrkräfte mit im Raum sein müssten, um die Teilgruppen zu betreuen.
Ich frage den Lehrer im Anschluss, warum es an dieser Schule nicht EINE feste Lehrkraft für die Willkommensklasse gibt. Er antwortet: "Dafür erklärt sich hier niemand bereit. Ich bin nach einem Block in dieser Klasse völlig fertig. Sie sind so unmotiviert und undiszipliniert. So werden sie niemals in einer Regelklasse bestehen. Das scheint ihnen aber noch nicht klar zu sein." Das alles stimmt mich ziemlich nachdenklich und es wird mir klar - es muss Veränderung her.

* Ein Spiel, bei dem die Schüler die Handlungen ausführen sollen, die der Lehrer mit "Simon says" einleitet, z.B. "Simon says clap your hands." Leitet er den Satz anders ein und die Schüler führen die Handlungen trotzdem aus, scheiden sie aus.

Schule Y

Mein Schnuppertag an der Schule Y war eine riesen Überraschung! Zunächst wurde ich von jedem Schüler sehr herzlich empfangen. Zu Beginn haben sich die insgesamt 12 Schüler vorgestellt - auf Deutsch. Die kleine Gruppe besteht aus 7 Mädchen und 5 Jungen aus verschiedensten Ländern. 3 der Schüler kommen aus Syrien, 1 Schüler aus dem Libanon, 2 aus Persien. Daneben Schüler aus China, Südkorea und Polen. Die Klasse besteht in dieser Zusammensetzung seit einem Halbjahr und vor der Ankunft, konnte keiner von ihnen auch nur ein Wort Deutsch. Es kommen und gehen immer wieder Schüler. Auch damit muss man in einer Willkommensklasse umgehen können. Mich hat besonders der Zusammenhalt der Klasse beeindruckt. Sie alle stammen aus unterschiedlichen Kulturen, doch sie sind ein eingespieltes Team. Sie gehen sehr respektvoll und freundlich miteinander um. Die Klassenlehrerin ist eine sehr engagierte und motivierte Frau. Sie betreut die Klasse alleine und unterrichtet dabei jedes Schulfach. Die Schüler haben eine enge Beziehung zu ihr entwickelt und man merkt, dass die Lehrerin eine wichtige Bezugsperson im Leben der Schüler geworden ist. Sie legt sehr viel Wert darauf, jederzeit erreichbar zu sein. Für dringende Fragen oder Probleme wurde eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Die Lehrerin unterrichtet Englisch, Deutsch, Geschichte und NaWi. Neben dem inhaltlichen Input ist der Fokus dennoch auf den Spracherwerb gerichtete. Im Musikunterricht werden deutsche Lieder einstudiert, bei denen Aussprache und Textverständnis der Schüler gefördert werden. Ich konnte beobachten, dass es auch in dieser Klasse unterschiedliche Sprachniveaus gibt. Eine der Hauptregeln der Klasse ist, dass im Klassenraum nur Deutsch gesprochen werden darf. Einige der Schüler könnten sich auf ihrer Muttersprache unterhalten, wie z.B. Arabisch, tun dies aber nicht, da sie begriffen haben, dass sie nur ihr Deutsch verbessern können, indem sie die Sprache regelmäßig anwenden.

Schule X

Heute darf ich in der Willkommensklasse der Schule X hospitieren. Der erste Eindruck: es ist laut, die 13 Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren wuseln wild durcheinander, die Lehrerin guckt ratlos in die Menge. Es klingelt und ich soll mich der Klasse vorstellen. Schon jetzt bekomme ich mit, dass einige nicht ein Wort von dem verstehen, was ich sage. Andere sind mit ihrem Smartphone beschäftigt oder müssen spontan auf die Toilette. Nun sollen sich die Schüler vorstellen und es wird schnell klar, was für ein gewaltiger Unterschied in den Sprachniveaus herrscht. Noch in der Vorstellungsrunde klopft es an der Tür - 5 neue Schüler stehen etwas eingeschüchtert an der Tür, begleitet von einer Übersetzerin. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan und Mazedonien. Die Lehrerin spricht munter auf die Neuankömmlinge ein, die natürlich nichts verstehen und fährt mit der Vorstellungsrunde fort. Nachdem ich das Ganze etwas beobachtet habe, greife ich ein. Man hat gleich zu Beginn mitbekommen, dass es genügend Schüler gibt, die bereits sehr gut Deutsch sprechen, darunter ein arabisches Mädchen und ein Junge aus dem Kosovo. Ich frage die beiden, ob sie sich heute als Dolmetscher zur Verfügung stellen und neben die Neuen setzen. Der Lehrerin steht ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, da sie nun erneut mit 5 Schülern bei Null beginnen muss...In der Pause wird mir erklärt, dass wir uns nächste Woche nicht wiedersehen werden, da es an dieser Schule A und B Wochen gibt, in denen die Fächer wechseln und somit auch die Lehrkräfte. Ich bin überrascht, dass die Willkommensklasse einige Lehrer nur alle 2 Wochen zu Gesicht bekommt. Die Klasse wird zwar 5 Tage die Woche unterrichtet, allerdings nur für 2-3 Blöcke (a 90 Minuten) pro Tag. Ich bin mit der Erwartung gekommen, eine Art Intensiv-Sprachkurs zu erleben. Tatsächlich stehen auf dem Stundenplan aber auch Mathe, Naturwissenschaften, WAT, Geschichte, Englisch, Musik und Sport. Im 2. Block, in WAT, treffe ich auf eine andere Lehrerin mit ähnlichen Ermüdungserscheinungen. Die Jugendlichen sollen ein Interview mit dem Sitznachbarn führen. Ich weise diskret darauf hin, dass sie sich eben schon vorstellen mussten und es deshalb zu Unruhe kommen könnte. Es gibt aber keinen Plan B, also wird der Unterricht durchgezogen. Kurz vor dem 3. Block sagt ein Schüler zu mir "wir haben jetzt NaWi, du musst Angst haben." Als die Lehrerin den Raum betritt, wird mir schnell klar, was er meinte. Eine Frau mit angsteinflößender Erscheinung brüllt durch den Raum "Shut uuuuup!!! Wenn ihr es nicht auf Deutsch versteht..." Alle sind zwar ruhig, aber ob sie in diesem Moment wirklich die Funktionsweise des Verdauungssystems und das Schalenmodell für Atome kennenlernen müssen, bleibt (für mich) fraglich.